Smokey eyes, Kaffee & Kernfusionen

Sicher fragt Ihr Euch auch, ob ich das mit dem #tagebuchbloggen überhaupt noch regelmäßig hinbekomme, wenn ich wieder in Lohn und Brot stehe. Nun. Mit dieser Frage seid Ihr nicht allein. Vielleicht sollten wir uns gemeinsam überraschen lassen.

Geisterstunde | Ich habe nicht übermäßig viel Angst vor Gespenstern, da ich vermute, dass es sie nämlich gar nicht gibt – egal, was mir die Kinder einreden wollen. Was mich nachts allerdings um den Schlaf bringt, sind der Gespenster nölige Schwestern, die Gedanken, die mal mehr und mal weniger beharrlich in meinem Kopf herumspuken. In der letzten Nacht vor dem neuen Job gaben sie sich natürlich mal wieder die Ehre und fraßen mit Fragen und Zweifeln Stunde um Stunde meiner nächtlichen Ruhezeit auf. Um den Rest, den sie noch übrig ließen kümmerte sich ein kleiner Besucher aus dem Kinderzimmer. Und nein: Mir sind nich die Smokey Eyes verrutscht, das sind Augenringe und ich möchte nicht darüber reden.

Das wyssenvosssche Pendeln | Mein neuer Job spielt im beschaulichen Städtchen Garching im Norden von München. Dort gibt es alte und neue Reaktoren, eine U-Bahn-Haltestelle und zahllose Studenten, von denen weit über die Hälfte Männer sind. Da ich notorisch Autobahnen vermeide (-die Ängste, die Ängste, diese blöden Ängste-) bedeutet das für mich ab sofort, dass ich pro Strecke rund 25 km Landstraße zu fahren habe. Bei halbwegs entspannter Verkehrslage (wie sie heute zwischen acht und neun in der Früh und zwischen acht und neun am Abend jedenfalls gegeben war) ist das in rund 35 Minuten gut zu schaffen. Damit werde ich dann zwar mehr Kilometer runterreißen als früher, aber im Schnitt gleich viel Zeit für die Hin- und Rückfahrt brauchen. (Manchmal frage ich mich, warum ich die Fähigkeit, des Es-mir-schön-Rechnens, das übrigens auch beim Geldausgeben funktioniert, nicht so ähnlich auch in andere Lebensbereiche übertragen kann.)

But first coffee | Nachdem ich natürlich am ersten Tag trotz der erwähnten entspannten Verkehrslage einen großen Puffer eingeplant hatte und ergo viel zu früh in Garching eintraf, nutzte ich die Gelegenheit gleich mal den Kaffee in der hauseigenen „Cantinera“ (whatever that is) zu testen. Er wurde von mir persönlich für gut (wenn auch für die Lage nicht unbedingt als günstig) befunden. Ich werde also wieder kommen, zumal der in den Etagenküchen kostenlos verfügbare Kaffee leider auch geschmacklos ist, wir ich spätestens um 9:30 Uhr dann schon schmerzlich gelernt hatte.

Kulturwandel | Wenn man die letzten sieben Jahre in im Kern eher konservativen Beratungsfirma gearbeitet hat und dann in ein Start-Up-Ökosystem wechselt, dann ist das zunächst schon eine sehr intensive Veränderung. Angefangen von den Räumlichkeiten, die nicht nur geographisch uninah sind, über die Kolleg*innen, die im Prototyp jung und hoodietragend sind, bis hin zum Arbeitsplatz selbst, der sehr zu meinem Erstaunen nicht von Vitra ausgestattet wurde. Meine lieben Kollegen – ich teile mir das Büro mit drei jungen Herren so um die 30 – haben sich für mich zur Begrüßung sogar eine Rose ausgeliehen. Ich habe mir übrigens sagen lassen, dass in den Tagen vor meiner Ankunft ein KonMari-Orkan durch das Jungszimmer gefegt sein soll.

Darüber hinaus habe ich am ersten Tag vor allem Folgendes gelernt:

  • IT Abteilungen sind überall gleich und was nicht erlaubt ist, ist verboten.
  • Bioreaktoren sind eine coole Sache, Betreiber von Bioreaktoren sind allerdings totale Nerds
  • Der Kaffee in der Küche im zweiten Stock ist besser als der im Ersten.
  • Wenn man mittags im Gate Kitchen noch einen Platz bekommen will, dann sollte man spätestens um 11:45 Uhr da sein.
  • Es gibt einen Unterschied zwischen Kernspaltung und Kernfusion und eine Schutzzone um das Max-Planck-Institut herum.
  • Die Feuerwehr fährt immer zu den Chemikern.
  • Vor dem Zentralinstitut für Katalyseforschung steht ein Elch, aber nur wenn man von der richtigen Stelle aus schaut.

Gut, dass auf so viel Erkenntnis an einem Tag erstmal ein Wochenende folgt.

Rausschmeißer der Tages | Mein absolutes Highlight war dann noch eine Nachricht, die ich gestern über LinkedIn bekam. Ein entfernter Bekannter hatte mir vor einer Woche geschrieben, dass er die netten Menschen in seinem Netzwerk – in diesem Fall meinen Mann und mich – gerne mal wiedersehen würde und vielleicht ergäbe sich daraus ja auch die ein oder andere Möglichkeit für Business, so ganz nebenbei, eventuell… Ich hatte ohne besonderen Grund bisher nicht darauf reagiert, als ich aber gestern mein Jobprofil auf LinkedIn aktualisiert hatte, meldete er sich selbst gleich wieder zu Wort:

„Hat sich erledigt. Alles Gute euch!“

Ich vermute, der Terminus „nette Menschen“ hat in seiner Welt eine andere Bedeutung als in meiner.

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