Du, Twitter & mein Mann

Formalitäten | Das mehrheitliche Votum hat übrigens ergeben, dass wir einander gut genug kennen und wert genug schätzen, um ab sofort per Du zu sein oder – wie man es in der Schweiz so schön sagt „Duzis zu machen“. Diejenigen unter Euch, die eigentlich gar nicht so ungerne weiter gesiezt worden wären, dürfen versichert sein, dass ich das „Du“ und „Euch“ keinesfalls in herabwürdigender und respektloser Weise meine, sondern darin vielmehr zugleich tiefe Verbundenheit und wohlwollende Anerkennung zum Ausdruck bringe. Und weiterhin „Sie“ mitmeine.

Geständnis |Wie ich neulich berichtete kann ich das mit den Steinen in den Schuhen wirklich außerordentlich gut, man könnte es fast als Talent bezeichnen. Was ich demgegenüber überhaupt nicht kann, ist das Schreiben mit Druckbleistiften. Und ich muss zugeben, dass ich Menschen, denen Druckbleistifte sogar das liebste Schreibwerkzeug sind, eine Mischung aus Abscheu und Bewunderung entgegen bringe. Ich brauche verständiges und kollaboratives Schreibwerkzeug und kein zartes Seelchen, das mich schon bei nur leichtem Druck sofort mit Minenbruch straft.

Nesseln | Auch wenn es bei der digitalen Bohème natürlich weitaus populärer ist, gegen den Strich gebürstet zu sein, bin ich in meiner Meinung zu den meisten Themen, die das Twitter-Publikum erregen, wohl doch eher im Mainstream unterwegs. Und so passiert es nicht allzu selten, dass ich je nach Absender und grob überflogener Message so ganz en passant neben tausend Anderen auch noch ein Herz an einen Tweet klebe oder ihn gar weiterverteile. Potenziell wäre ein Tweet, wir der, den die geschätzte Niddal Salah-Eldin heute abgesetzt hat, so ein „Endorsement-No-Brainer“ für mich gewesen. [Relevante Absenderin: Check. Relevantes Thema: Check. Nennenswertes Engagement: Check. Breiter Konsens: Check.] Aber kurz bevor ich fast automatisch mein Herz dran hängte, dachte ich plötzlich „Moment, eigentlich sehe ich das tatsächlich ein bisschen anders.“ Angesichts der vielen Säue, die jüngst mit rostigen Mistgabeln durchs Dorf getrieben, ist es Niddals gute Absicht zu mehr Bewusstsein beim Twittern aufzurufen.

Wenn ich mir nun diese vier Fragen ansehe und darüber nachdenke, was Twitter für mich in den letzten zehn Jahren zu einem zweiten Zuhause gemacht hat, dann bekomme ich bei den den Fragen 1 bis 3 tatsächlich ein flaues Gefühl im Magen. Wenn ich nämlich von rassistischen, sexistischen, diskriminierenden, beleidigenden, Anderen Schaden zufügenden etc. Äußerungen absehe, die für mich in keinem Medium und nicht mal im persönlichen Gespräch eine echte Option sind, dann finde ich, dass alles gepostet werden muss und darf, was wir alle bitteschön posten möchten (Ad 1). Und wenn ich dieses oder jenes loswerden möchte, das nicht mit den o.g. Ausschlusskriterien konfligiert, dann darf das auch sehr gerne VON MIR gepostet werden oder VON EUCH, wenn Ihr dran seid Ad 2). Und das mit dem Mehrwert, das ist ja ohnehin ein bisschen eine schwierige Geschichte. Denn wenn ich mit einem faktenleeren aber vielleicht dennoch irgendwie geistreichen Tweet auch nur einen Menschen zum lächeln bringen, dann hat er in meinen Augen schon einen deutlichen Mehrwert. Dasselbe ist der Fall, wenn er mich selbst Lächeln macht (Ad 3). Kurz: Ich liebe all die Irren, die mir mit Nonsens seit Jahren das Leben versüßen und möchte sie keinen Millimeter weniger irr lesen. Was nun Punkt 4 betrifft, halte ich das wie ein Dachdecker: Wenn ich öffentlich agiere, dürfen die anderen darauf öffentlich reagieren und sich gerne auch an dieselben ethischen Mindeststandards halten, die ich mir auferlegt habe. Ethik und Empathie sind wichtig. Aber darüber hinaus ist Twitter für mich ganz persönlich nicht die Encyclopedia Britannica und erhebt auch keinen Bildungsanspruch. Oder doch?

Pärchenzeugs | Falls Ihr Euch auch schon mal gefragt hat, was es mit der Liebe so auf sich hat – im Allgemeinen und im Besonderen. Eine solche Tasse allerfeinsten Kaffees bekomme ich seit mehr als fünf Jahren jeden Morgen und jeden Abend von meinem Mann kredenzt. Und ich fühle mich dabei jedes Mal wieder wie jemand ganz besonderes für ihn.

Titelbild: Pixabay via Pexels

5 Kommentare

  1. Ich verstehe den Ansatz von Niddal Salah-Eldin, gerade wenn man sich so manchen Grabenkrieg auf Twitter ansieht dann liegen solche Gedanken nahe.
    Aber ich bin ja schon seit Ewigkeiten Verfechter der Theorie, dass quasi alles ins Internet geschrieben gehört, denn, ich zitiere
    > Denn wenn ich mit einem faktenleeren aber
    > vielleicht dennoch irgendwie geistreichen Tweet
    > auch nur einen Menschen zum lächeln bringen,
    > dann hat er in meinen Augen schon einen
    > deutlichen Mehrwert.
    Von so Mehrwerten wie „wenn sich ein anderes Mitglied einer seltenen Gruppe nicht mehr einsam fühlt“ mal ganz abgesehen.

    Ich fürchte allerdings, dass das was Du und ich unter grundsätzlichen Regeln zu menschlichem Miteinander verstehen nicht mehr weit verbreitet ist und hoffe, dass diese Regeln vielleicht eher im Sinne eines solchen Miteinanders zu verstehen sind.

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    1. Ja, ich verstehe eben auch wo Niddal herkommt und das ist ja auch nicht aus der Luft gegriffen, was sie da fordert. Für mich wäre die Lösung aber eher sowas wie „lehrt die Menschen (wieder) Anstand und Empathie“ oder „gesunder Menschenverstand muss Pflichtfach in der Schule werde“. Aber eben nicht der Kampf gegen das Affekttwittern, die Mutter allen Twitterns.

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  2. Zu Twitter: Sehe ich wie Du! Wir sind doch keine Journalisten von wegen Mehrwert für andere etc.
    Was wäre denn der Twitter-Januar ohne die Kommentare der Republik zu #IBES?

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