Kussmund, Kontrolle & Kopenhagen

Heute war der Tag vor dem letzten Tag meiner (fast ein bisschen zu) kurzen Zeit ohne Job. Morgen werde ich noch einmal in den Tag hinein leben, erinnert mich bitte dran, dass ich es sehr ausgiebig tue.

Apropos Leben | Ich kündige meinen guten und sicheren Job, ohne einen Neuen zu haben. Nehme anschließend (begeistert !) einen neuen Job an, der mich mitnichten ins Höher, Schneller oder Weiter katapultieren wird und dann komme ich zu allem Überfluss auch noch auf die Idee, mir mitten auf den Unterarm ein kaum mehr versteckbares Tattoo stechen zu lassen. All das beansprucht Teile meines Umfelds sehr und ich kann nachvollziehen, wie befremdlich ich gerade erscheinen muss. Ich will nicht ausschließen, dass ein paar Menschen denken, ich habe nicht nur den Verstand sondern gleich komplett die Kontrolle über mein Leben verloren. Dabei ist es genau andersherum: Ich habe mich selten so beisammen und bei mir gefühlt wie gerade jetzt. Und je mehr ich die Kontrolle über mein Leben wieder selbst in die Hand nehme, desto mehr verliert das Leben die Kontrolle über mich. Watch me doing me!

Globetrotting |Den Mann und mich verbindet Vieles, was natürlich hilfreich ist, wenn man sich entscheidet, gemeinsam eine Familie zu gründen. So haben wir gemeinsam bereits kurz nachdem wir uns kennenlernten beschlossen, dass wir (irgendwann einmal) auswandern wollen. Daran hat sich sich bis heute nichts geändert, wohl aber am möglichen Ort unseres neuen Zuhauses. Angefangen hatten wir nämlich damit, gedanklich nach San Francisco auswandern, obwohl zu dem Zeitpunkt noch keiner von uns je dort gewesen war. Wir hatten einfach das Gefühl, dass das unser Ort sein könnte. Dann kamen die Kinder und die Verrückten und es gab plötzlich viel mehr Gründe nicht in die USA auszuwandern als es zu tun. Unsere nächste Idee war Stockholm – europäischer, näher dran – und man sagt den Schweden nach, dass sie viel familientaugliche Arbeitskonzepte haben, als wir hier in Deutschland. Das gefielt uns, das Problem war nur, dass uns Stockholm, als wir es dann in 2016 besuchten, gar nicht soooo überragend gut gefiel, wie wir es uns vorgestellt hatten. Dafür haben wir uns auf derselben Reise Hals über Kopf in Kopenhagen verliebt, so dass wir ziemlich sicher in nächsten Leben dahin auswandern werden. Bis es soweit ist, haben wir uns nun im Keller mit Hilfe ein Kopenhagen-Zimmer eingerichtet und wir testen jetzt mal eine Weile, ob die Stadt wirklich so gut zu uns passt, wie wir uns das so denken.

Wortfindungsstörungen |Wie Ihr wisst, spiele ich ja mit der Sylvia, der Friederike, dem Christian und dem Stefan gelegentlich Wortfeud. Dabei muss ich mich immer wieder darüber ärgern, dass die Datenbank von Wortfeud total (überlebens-)wichtige Worte nicht kennen will. Heute verweigerte es mir den „Kussmund“. Hätte es mir nicht kurz danach ohne mit der Wimper zu zucken erlaubt „Spackos“ zu legen, wären wir jetzt wohl bereits getrennte Leute. Kann man da irgendwo Eingaben machen?

Verlorenes | Heute Abend habe ich dem großen kleinen Herrn ein paar Seiten aus „Der kleine Wassermann“ von Otfried Preussler vorgelesen – ein Buch, das ich selbst als Kind sehr liebte und mir auf einer Schallplatte (nennt man heute „Vinyl“) anhörte. Fast verdrängt hatte ich aber bis heute die Stelle im Buch, die mir damals (wie heute) einen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt: In einer düsteren Höhle trifft der kleine Wassermann auf das Neunauge, das ihm unbedingt ein paar seiner Augen schenken möchte.

„Ich würde Dir gerne ein paar Augen abtreten!“, rief ihm das Neunauge hämisch nach. „Bis auf zwei sind sie ohnehin blind! Was nützen mir blinde Augen? Ich möchte sie herschenken, hörst Du? Her-schen-ken möchte ich sie!“

Ja, das Neunauge machte mir als Kind große Angst und spielte damit in einer Liga mit der Schneekoppe und der Black & Decker Werbung. Und wobei standen Euch die Haare zu Berge?

Sprachwissenschaften | Wenn ich Euch jetzt verrate, das bei Allem, was ich DAMALS studiert habe, die Kurse zur Sprachwissenschaft meine liebsten waren, dann wisst Ihr etwas, worüber ich noch nie mit jemandem gesprochen habe. Wahrscheinlich wäre dieses Geheimnis auch auf ewig in meinem Unterbewusstsein versteckt geblieben, hätte ich heute nicht mir zwei Strukturalist*innen über Phonem, Morphem und Sem philosophieren dürfen, die ich – nebenbei bemerkt – ohne meine Freundin das Internet nie kennen hätte kennenlernen dürfen.

Titelbild: Pixabay via Pexels

4 Kommentare

  1. Meine Güte, so viel Liebe für diesen Text. Ich bin über jawls Blog hier gelandet, den ich selbst erst gestern entdeckt habe.
    Ich habe direkt ein Lesezeichen hier gesetzt. Darf ich bleiben? Ich bleibe jetzt einfach.

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