Schmerzgrenzen, Schneegezeter & Speisekartenpoesie

Kleinanzeigen | Insbesondere, seit die Kinder da sind und wir systematisch jeden Kindersachenflohmarkt verpassen, der sich zum Dezimieren unserer Bestände geeignet hätte, bin ich gelegentlich auf ebay-Kleinanzeigen unterwegs. Man erkennt solche Phasen an den sich drastisch vermehrenden Bissspuren in unserem Esstisch. Was man da so erlebt, das kann sich kein noch so preisgekrönter Romanautor ausdenken. Da ich es bei manchen Dingen einigermaßen schwierig finde, einen passgenauen Festpreis anzugeben, stelle ich die meisten Artikel mit dem Zusatz „VB“ ein, was in meiner Welt heißt, dass ich bereit bin, über den angegebenen Preis noch zu verhandeln. Ich stelle mir das dann in etwa so vor:

„Sie schreiben 80 VB, ich würde Ihnen 65 bieten.“
„65 sind zu wenig. Das xyz ist wirklich gut erhalten, für 75 können Sie es aber haben.“
„Einigen wir uns auf 70, dann schlage ich zu.“
„Deal, wenn Sie es persönlich abholen.“
„Einverstanden.“

Ich nenne das „Verhandeln“.

Was aber tatsächlich passiert ist:
„Was ist denn bitte preislich machbar inklusive Versand?“ (Mach doch ein Angebot!)
„Wo ist Ihre Schmerzgrenze?“ (Wie wäre es mit Austesten?“)
„Geht da noch was beim Preis?“ (Ja, sonst wäre es ein Festpreisangebot.)

Ich merke, dass ich schon nach dieser Eröffnung überhaupt keine Lust mehr habe, mein xyz an diesen potenziellen Käufer zu verkaufen. Und ich ahne, dass das der Beginn eines mühsamen Dialogs ist, den ich nicht führen will und der am Ende auch zu nichts führen wird. Insbesondere nicht zu einem Verkauf.

Dann geht es weiter:

„Rauchen Sie?“ – „Nein.“
„Haben Sie Haustiere?“ – „Ja, eine Katze.“
„Oh, das ist schlecht, ich habe eine Allergie.“ – „Dann ist mein Angebot vielleicht nicht das Richtige für Sie.“
„Was geht denn noch beim Preis?“ – (Wieviel kostet denn Ihre Allergie so?)
Irgendwann nenne ich meist genervt irgend eine Zahl:
„Das ist zu teuer für das Alter.“ (Hey, wenn es Ihnen so viel zu teuer ist, warum verschwenden Sie dann Ihre und meine Zeit, vrdmmt?)
„Aber das xyz ist ja schon gebraucht.“ (Ähem, ja, das steht im Text. Daran hat sich nichts verändert.)
„Und das mit der Katze ist nicht wirklich optimal.“ (Zähne –> Tischplatte)

Und wenn Ihr denkt, dass ich mir das ersparen kann, wenn ich Festpreisangebote einstelle – nein, ausprobiert.
„Also für 65 würde ich es nehmen.“ (95% aller Erstnachrichten bei Festpreisangeboten)

Alles weiß | Heute hat es hier den ganzen Tag (und ich meine den GANZEN Tag) geschneit. Vor knapp zwei Wochen wäre das noch völlig ok gewesen, denn man will ja, dass die Kinder verstehen, was Oma und Opa meinen, wenn sie mit glänzenden Augen von der weißen Weihnacht erzählen. Aber Anfang Januar ist es dafür dann einfach zu spät und Schnee, der nicht ausschließlich auf Berge hinabfällt, ist für nichts gut. Stadtschnee blockiert Straßen oder verwandelt sie in Achterbahnen, er nötigt unschuldige Menschen dazu, ihre ebenso unschuldigen Autos freizuschaufeln und sorgt außerdem dafür, dass es im Hausflur immer nass und schmutzig ist. Und das Ende vom Lied ist mit Tonnen von Rollsplit gespickter, ekligbrauner Schneematsch. Wäre ich Wintersportlerin, wäre ich dem Schnee gegenüber möglicherweise etwas nachsichtiger. Bin ich aber nicht. Vielmehr kann ich trotz ein paar Anläufen weder Ski noch Snowboard fahren und ahne, dass meine Aversion gegen den Winter im Allgemeinen an diesem Unvermögen nicht unschuldig ist.

Oh Tannenbaum | Besagter ist inzwischen mit Hilfe (*hust*) des Kleineren der kleinen Herren abgeschmückt und wartet auf seine christdemokratische Eskorte zum Wertstoffhof.

Sternsinger| Kaspar, Melchior und Balthasar haben auf ihrer Reise aus dem Morgenland heute wohl bei uns Halt gemacht, uns aber leider nicht angetroffen. Glücklicherweise haben sie uns eine Nachricht mit IBAN hinterlassen, damit wir unsere Spende einfach und bequem gleich online anweisen können. Da wir es mit den Missionen aber nicht so haben, backt der Mann gerade für morgen als Ablass an die heiligen Drei Könige einen Dreikönigskuchen und wir spenden unsere Geld lieber anderen, die damit in unserem Sinne handeln.

Vegetarierleben | Heute Abend waren wir mit Freunden in einem sehr schönen und durchaus eher höherpreisigen Gutsgasthof in der Nähe essen. Wir hatten einen schönen Tisch mit einem reizendenen Kellner, der wirklich toll auf die drei mitgebrachten Kinder eingegangen ist. Das Speiseangebot ist vielseitig und die bestellten Gerichte waren raffiniert und sehr wohlschmeckend. Lachen musste ich beim Blick in die Karte aber dennoch an einer Stelle, denn dort hieß es unter der Überschrift „gesund und grün“, dass man sich ganz bewusst entschieden habe, auch zwei „vegetarische Gerichte“ anzubieten:

Als Vegetarierin sollte man angesichts solcher Zugeständnisse wohl eine tiefe Dankbarkeit in sich aufsteigen, tatsächlich spürte ich eine latente Ratlosigkeit. Aber: die Ravioli waren um längen besser als die Penne all’arrabbiata, die mir an anderer Stelle gleich mehrfach als vegetarisches Highlight angepriesen worden waren. Dennoch glaube ich, dass der Zeitgeist inzwischen durchaus nach einer etwas üppigeren Anzahl wirklicher vegetarischer Alternativen verlangt. Vegetarier sind nämlich durchaus nicht nur auch Menschen, sondern auch zahlende Esser, wenn es ihnen mundet.

Titelbild: Pixabay via Pexels

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